Hammel, Hammel, Hammel


Tabaski ist zwar nun schon wieder ein paar Tage vorbei. Der Alltag ist wieder eingekehrt und die Hammel verschwunden. Nichts desto Trotz hier eine kleine Geschichte aus dem Jahr 2003. Sie hat nichts an Aktualität eingebüsst, sie wiederholt sich Jahr für Jahr:

Tabaski ist das grosse, moslemische Fest, an dem in jedem Haus ein Hammel geschlachtet wird. Bereits Wochen vor dem Fest füllen sich die Strassen und Plätze von Dakar mit Schafen. Überall wird gefeilscht und diskutiert. In den Strassen junge Männer, welche ihr Schaf nach Hause zerren. Auf den Dächern der Busse, in den Kofferräumen der Autos Schafe. Schafe, wo das Auge auch hinschaut. Dazwischen die fliegenden Händler, welche ganze Messersets zum Verkauf anbieten. Etwas mulmig wird einem bei dem Anblick zumute. So viele Messer, welche an diesen Tagen in den Strassen von Dakar zirkulieren….

 

Bei mir in der Nachbarschaft vermehrt sich das Geblöke rundherum. Kein Haus, das nicht ein Schaf im Hof stehen hat. Nur die arme Familie, die in der Bauruine von gegenüber wohnt, hat noch kein Schaf. Vor ein paar Wochen wurde ihnen der dritte Sohn geboren, was natürlich ein grosses Fest gab. Nun sieht es so aus, als müsste die Familie ohne Schaf Tabaski feiern. Doch sie haben Glück. Sie haben den kleinen Neugeborenen auf den Namen meines Freundes getauft. Dieser lässt es sich nicht nehmen und kauft der Familie 2 Tage vor dem Fest einen Hammel. Grosses Händeklatschen, Danksagungen, es wird für uns gebetet, dass Gott uns Erfolg und Glück zukommen lässt.

 

Auch Sami, mein „Gardien“ kommt ca. zwei Monate vor Tabaski mit einem Schaf daher. Stolz und glücklich erklärt er mir, dass er es für seine Mutter gekauft hat, dass es jedoch eine Überraschung sein soll. Ich erlaube ihm, das Schaf auf die Terrasse zu bringen, sofern er es sauber hält und meine Gäste nicht gestört werden. Die ersten 2 Tage blökt der arme Hammel viel und jämmerlich. Sami verbringt viel Zeit damit, auf seiner Matte neben dem Hammel zu sitzen. Nach den ersten Tagen hat sich unser neues Familienmitglied eingewöhnt. Vor allem auch, weil Sami sich rührend um ihn kümmert. Bald herrscht ein stilles Einvernehmen zwischen den Beiden. Es sieht so aus, als würden sie sich ohne Worte genau verstehen. Anfänglich war der Hammel ein etwas trauriger Anblick. Er hatte nicht gerade viel Speck auf den Rippen und sah recht unscheinbar aus. Durch die gute Pflege und vor allem das gute Futter, das Sami ihm jeden Tag vorsetzte, beginnt er jedoch immer stattlicher zu werden. Auch ich freunde mich mit dem Tier an. Wenn ich auf die Terrasse komme, kraule ich ihm den Kopf. Mit der Zeit hält er mir den Kopf hin und gibt keine Ruhe, bis ich ihn gekrault habe. Er beginnt kleine Spielchen zu machen, stösst mich sanft mit seinem Kopf, macht lustige Sprünge. Die Männer beginnen mit ihm zu „boxen“, was ihm sichtlich Spass macht. Als ich dann meinen kleinen Hundewelpen zu Gast habe, nimmt ihn Sami mit auf die Terrasse. Der Hammel beäugt den Welpen neugierig. Dann reagiert er eifersüchtig. Er versucht möglichst nahe heranzukommen, sich auf die Matte von Sami zu setzten, blökt und ist so richtig aufgeregt. Als wolle er sagen: He, ich bin auch noch da, kümmert Euch gefälligst um mich! Wir lachen über die Kapriolen, die er macht, um sich in Szene zu setzten. Manchmal nimmt Sami den Hammel von der Terrasse herunter und setzt sich mit ihm und dem Welpen vor die Türe. Wenn ich dann von der Stadt komme, finde ich meinen Gardien mit der ganzen Menagerie vor dem Haus, umringt von den Kindern der Nachbarschaft.

 

Einmal in der Woche ist Waschtag. Sami schleppt Eimer mit Wasser auf die Terrasse und seift den Hammel gründlich ein. Danach strahlt dieser dann so richtig in seinem weissen Fell. Tabaski kommt immer näher, der Hammel wird immer runder. Dann kommt der Tag, an dem Sami ihn zu seiner Mutter bringt. Einer seiner kleinen Brüder holt das Tier ab. An diesem Tag ist Sami zufrieden und strahlt wie ein Weihnachtsbaum. Er ist sichtlicht stolz, dass er seiner Mutter dieses Geschenk machen konnte. Seit Jahren ist es das erste Mal, dass er ihr einen Hammel kaufen konnte. Am Morgen des Festes denke ich an den Hammel, der jetzt wie tausende andere geschlachtet wird. Abends kommt Sami mit einer grossen Plastiktasche zu mir. Etwas verlegen überreicht er mir einen ganzen Schenkel des eben verstorbenen Familienmitgliedes. Seine Mutter sende mir dies als Dank. Sie hat auch gleich noch Kartoffeln, Zwiebeln, Maggiwürfel und Karotten beigelegt, so dass ich alles für die Zubereitung da habe. Gerührt nehme ich das schöne Fleisch entgegen. Das wird uns in den nächsten Tagen einen tollen Braten abgeben.

 

Ja, Tabaski ist wirklich ein ganz besonderer Tag in diesem Land. Am Morgen gehen die Leute zuerst in die Moschee um ihre Gebete zu verrichten. Danach werden die Schafe in jedem Haus geschlachtet und das Fleisch zerlegt. Ein grosser Teil davon wird sofort auf den Grill gelegt. An diesem Tag ernähren sich alle von gegrilltem Hammelfleisch. Vor jedem Haus in meiner Strasse ein grosses Loch im Sand, in das die Innereien und das Blut gelegt werden. Danach werden die Löcher wieder zugeschüttet. Den ganzen Morgen über kaum Leute auf der Strasse, alles ist still und ruhig. Aus den Häusern steigen Rauchfahnen auf, ein würziger Duft liegt über dem ganze Viertel. Ich steige auf die Terrasse und kann von dort in den Höfen und auf den Dächern zusehen, wie die Nachbarn die Hammel zerlegen. Es wird konzentriert und schnell gearbeitet. Alle haben zufriedene Gesichter, winken uns zu und laden uns zum  Essen ein. Dankend winken wir ab. Scherze fliegen hin und her, alle sind glücklich.

 

Von meiner Haustüre aus sehe ich gegenüber die Talibé beim Grillen von Fleisch. Sie sitzen still um den Grill herum, freuen sich und geniessen den Tag, an dem sie ihre Bäuche einmal so richtig füllen können. Bei mir im Haus ist es heute ruhig und still. Die Gäste sind ausgegangen und ich geniesse diesen Feiertag. Ich habe meinen Dienstmädchen frei gegeben. Es läutet an der Türe. Eines meiner Mädchen steht da und bringt mir eine grosse Schüssel mit gegrilltem Fleisch, Sauce und Frites. Sie wünscht uns ein schönes Fest und bittet uns um Verzeihung. Dies ist an diesem Tag üblich. Kurze Zeit später dann mein zweites Mädchen, welches mir ebenfalls eine Schüssel mit Hammelfleisch bringt und mir ein schönes Fest wünscht. Ich bin ganz gerührt.

 

Gegen 16h00 beginnen die Leute aus ihren Häusern zu kommen. Alle, vom Greis bis zum Baby tragen neue, festliche Kleider. All die vielen Farben, wunderschön. Die Menschen beginnen nun ihre Tour von Haus zu Haus. Sie besuchen Verwandte, Bekannte und Nachbarn, bitten einander um Verzeihung und müssen in jedem Haus einen Bissen Hammelfleisch essen. Auch die Kinder gehen von Haus zu Haus und bitten um Bonbons und kleine Münzen. Abends dann an jeder Strassenecke ein Fest bis weit in die Nacht hinein.

 

Am andern Morgen immer noch zufriedenen Gesichter. Einige leiden allerdings an Verdauungsstörungen. Das viele Fleisch fordert seinen Tribut. Bis zwei Tage nach dem Fest gibt es auf dem Markt keinen Fisch zu kaufen. Wie freue ich mich am dritten Tag, endlich wieder Fisch auf dem Teller zu haben! Auch sonst ist nach dem Fest alles aussergewöhnlich still und die Stadt wie ausgestorben. Viele sind zu ihren Verwandten aufs Land gegangen und noch nicht zurückgekehrt. Ich geniesse die Stadt ohne Staus und Gedränge, auch wenn die meisten Läden noch geschlossen sind und die Märkte wie ausgestorben. Spätestens am Montag wird hier wieder alles normal funktionieren, wird die Stadt zu ihrem Alltag zurückkehren.

2 Gedanken zu “Hammel, Hammel, Hammel

  1. Hallo liebe Ruth, Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie? Hoffentlich gut!!!! Habe mich sehr über Ihre Nachricht gefreut,
    eine schöne Geschichte! Obwohl ich auch gleichzeitig etwas traurig war,denn Tabaski kommt hier zukurz. Keine Einladung,kein Festessen,keine Anrufe usw. Ja, ich vermisse das alles! In Hamburg war das anders!!!! Inshallah bin ich beim nächstem Tabaski
    bei Ihnen und kann mich freuen über das alles worüber Sie geschrieben haben!Liebe Grüße und alles erdenklich Gute – Christel –

Hinterlasse eine Antwort zu Christel Chliha Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..