BLECHSCHADEN


Jetzt hat es mich wirklich erwischt! Seit 13 Jahren fahre ich täglich auf Dakars Strassen und hatte bis jetzt keinen Unfall. Sicher, ich hatte sehr oft Glück. Ich habe diese „Fast Unfälle“ jedoch nie gezählt.

Ich war mit einem meiner Gäste unterwegs. Wir hatten einen tollen Besichtigungstag hinter uns und als ich den Heimweg unter die Räder nahm, entschloss ich mich noch kurz beim scheusslichen, umstrittenen Monument „La Renaissance Africaine“ an zu halten. Diese riesige Statue ist bei den Senegalesen sehr unbeliebt. Das vorherige Regime Wade hatte es mit Geld aus der Staatskasse gebaut um dem Präsidenten ein Denkmal zu errichten. Gleichzeitig litt die Bevölkerung unter massivem Strommangel. Das Denkmal ist zu einem negativ stigmatisierten Andenken für einen raffgierigen, diktatorischen und grössenwahnsinnigen Präsidenten geworden. In diesem Kontext ist es wiederum sehenswert. Wenn ich gewusst hätte, was mich dort erwartet!

Als ich nach links zum Monument abbiegen wollte, wurde ich von einem kleinen Lastwagen mit grosser Geschwindigkeit überholt. Dies, obwohl ich mein Abbiegen mit dem Blinker signalisiert hatte und auch an die Strassenmitte gefahren war. Ich bog ein und im gleichen Moment raste der Lastwagen an mir vorbei. Ich sah nur einen grossen Schatten, dann spürte ich den Schock und hörte den Knall. Mein Auto wurde zur Seite gedrückt. Völlig verdattert stoppte ich den Wagen, wobei ich bemerkte, dass ich nicht mehr richtig steuern konnte und blieb nach einigen Metern auf dem Mittelfeld der Kreuzung stehen. Dabei sah ich, dass der Lastwagen 20 Meter weiter am Strassenrand anhielt. Ich sprang aus dem Wagen, um zu sehen, was passiert ist. Der linke vordere Kotflügel war total eingedrückt und die Stossstange und die vordere Verkleidung abgerissen, die Vorderräder standen quer. Es sah aus, als hätte der Wagen O-Beine.

Unfall 1

Aus dem Lastwagen stiegen drei junge Senegalesen und kamen auf uns zu. Ich stand unter Schock. Die jungen Männer kamen näher und redeten dabei alle in Wolof rasend schnell und laut durcheinander. Ich verstand nur, dass ich ihnen verzeihen sollte. Ich sagte ihnen, dass ich keine Entschuldigung haben möchte, sondern dass sie mir die Reparatur bezahlen sollen. Ich befürchtete, dass sie nicht einmal eine anständige Versicherung hatten. Leider hatte ich schon erlebt, dass die Menschen sich hier für alles und jedes lediglich entschuldigen. Wer um Verzeihung bittet, dem wird vergeben, der kann weitergehen.

Ich wollte die Papiere sehen. Doch zuerst ging das grosse Palaver weiter. Da ich mit Schwierigkeiten rechnete, telefonierte ich einem Friedensrichter. Er sollte kommen und einen Rapport aufnehmen. Die Polizei kommt leider bei einem Blechschaden nicht. Dann bat ich meinen Mechaniker herzukommen. Er sollte zu Protokoll geben was wirklich mit dem Auto los war. Beide versprachen, so schnell als möglich zu kommen. Nun, es würde einige Zeit dauern, da bereits der Feierabendverkehr begonnen hatte und beide quer durch die Stadt mussten.

unfall 2

Inzwischen war ein nicht beteiligter Passant dazu gekommen. Er sprach mich sogleich an und meinte, es sei mein Fehler gewesen da ich abgebogen sei. Ich fragte ihn ob er den Unfall mitangesehen hätte. Er verneinte, er wisse jedoch, dass ich Schuld habe. Warum er das wisse? Na ganz einfach, ich sei die Toubab (Weisse). Die jungen Männer des Lastwagens stimmten in diese Argumentation mit ein. Ich konnte  meinen Ohren kaumtrauen. Frust und Wut kamen hoch. Ich versuchte mich zu beruhigen und nahm nun den Fahrer mit auf die Strasse um zu Fuss nochmal den Unfallhergang zu rekonstruieren. Er wollte jedoch nicht hören. Der Passant fuhr fort, mit den jungen Senegalesen zu diskutieren. Mir wurde bald klar, dass sie mir Angst machen wollten, dass sie versuchten, mich einzuschüchtern, mir einzureden, es sei mein Fehler. Dann machten sie mir den Vorschlag, sie würden mir 50‘000CFA auf die Hand geben, doch sollte ich die Jungs gehen lassen. Ich wurde immer wütender. Ich begann zu schimpfen, wollte wieder die Papiere des Fahrers sehen.  Die Diskussionen wurden endlos. Immer deutlicher wurde es, dass hier Toubab gegen Schwarze stand.

Derweil standen wir auf der Kreuzung, die Sonne brannte auf uns herunter. Zum Glück ging es bereits gegen Abend, so war es nicht mehr so heiss. War zum Zeitpunkt des Unfalls noch kaum Verkehr auf der Strasse gewesen, so wurde der Verkehr nun immer dichter. Einige Fahrer hielten am Strassenrand und stiegen aus, um zu gaffen und mit zu diskutieren. Dann kam der erste Passant auf mich zu und meinte, er sei Zeuge des Unfalls, er würde zu meinen Gunsten aussagen, doch sollte ich ihm das bezahlen. Er wollte Geld haben. Ich sagte ihm nur, dass er von mir kein Geld bekomme, liess ihn stehen.

unfall 3

Der Mechaniker war zuerst am Platz. Er begutachtete den Schaden und meinte, es sei nicht allzu schlimm. Meine Befürchtung, dass die Fahrspur des Wagens verschoben worden sei, wies er von sich. Es sei hauptsächlich Karosserie-Schaden und leicht zu beheben. Dann kam endlich der Friedensrichter. Er befragte den Fahrer des Lastwagens und danach mich. Dabei besprach er mit dem Mechaniker den Schaden. Als er alles notiert hatte, verschwanden alle, ausser dem Mechaniker. Wir wollten nun zu mir nach Hause fahren, um meinen Gast, mich und den Einkauf abzuladen, dann wollte er das Auto mit in die Garage nehmen. Ich setzte mich hinter das Steuer und wollte losfahren. Aber die Lenkung reagierte nicht und das Rad schien mir auch verschoben zu sein. Ich hielt erneut an und wir stiegen wieder aus. Der Mechaniker bestätigte dass das Auto nicht mehr fahren konnte. Er würde sich darum kümmern. Ich solle ein Taxi anhalten, meine Sachen umladen und dann nach Hause fahren.

Traurig liess ich mein Auto an der Unfallstelle. Mir war schon in diesem Moment bewusst, dass dies eine lange mühsame Geschichte werden würde. Mühsam mit der Abklärung bei der Versicherung und dann auch noch für die Reparatur. Ich rechnete damit, das Auto frühestens in 2-3 Monaten wieder zu bekommen. Die Administrativen Mühlen mahlen hier sehr, sehr langsam…….

6 Gedanken zu “BLECHSCHADEN

  1. Krass 13 Jahre in Dakar ohne Unfall, das ist wirklich eine starke Leistung. Bei meinem 2. Urlaub (nja komme ja daher) habe ich 4 tage geschafft ohne schock, wie man es dort sagt. 😀 ich versuche immer mich vom Fahren zu drücken 😉
    Ndiaye

  2. Ja, für ungewohnte Fahrer kann es auf Dakars Strassen schon mal beängstigend sein. Aber mit der nötigen Ruhe und vor allem Intuition geht es einigermassen. Hier Fahren heisst, voraussehen, was die anderen Verkehrsteilnehmer im nächsten Augenblick tun werden. 😉

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