Das Boot ist voll???????


Mein Herz ist schwer, es tut mir entsetzlich weh, ich habe das Heulen immer zu vorderst. Manchmal habe ich das Gefühl zu ersticken, weiss nicht mehr wohin mit meiner Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Wut und Trauer. Ich sehe im Netz die Bilder, lese die Nachrichten. Täglich sind es mehr, täglich neue Opfer, einfach unglaublich. Aber auch Bilder von Gewalt gegen diese Flüchtlinge, von Hass, Brutalität, Dummheit, Ignoranz und Borniertheit. Dieser brutale, heftige Fremdenhass lastet schwer auf mir. Ich habe die Geschichte des 2. Weltkrieges noch gut in Erinnerung, habe die Fotos noch im Kopf. Dann lese ich dass Zäune gebaut werden, die Zollkontrollen noch mehr verschäft werden, dass dies die Schlepper Mafia auf den Plan ruft, die diese Menschen wie Vieh behandeln, sie einfach irgendwo, auf dem Meer, oder auf einer Strasse verrecken lassen. Das Mittelmeer wird zu einem enormen Entsorgungsplatz für unerwünschte Erdenbürger. Diejenigen, die es trotz allem doch geschafft haben, ihren Fuss irgendwo auf Europäischen Boden zu setzten, werden entweder in Flüchtlingslager gestopft oder zurückgeschafft, wo sie oft der sichere Tod erwartet. Marokko zum Beispiel, notabene eine beliebte Feriendestination, setzt die aufgegriffenen Flüchtlinge einfach in einem Minenverseuchten Wüstengebiet aus. So ist es am Billigsten. Oder Lampedusa, auch ein paradiesischer Ferienort, verbietet den Anwohnern ganz konkret, den Gestrandeten zu helfen, oder ihnen in Seenot bei zu stehen. Resultat, angeschwemmte Leichen an den touristischen Stränden. Es gäbe noch unzählige Beispiele, aus denen für mich lediglich hervorgeht, dass die Grenzländer schlicht überfordert sind mit dem grossen Ansturm vom Süden.

Und der Ansturm von Notleidenden wird nicht auf zu halten sein. Es wird weiter gehen, vielleicht sogar schlimmer werden. Die Politiker von Europa haben eines gemeinsam: sie sind total unfähig, diese weltweite Krise zu bewältigen. Sie denken, dass es reicht, die Grenzen dicht zu machen, Mauern zu bauen, Zäune aus Stacheldraht, schwer bewaffnete Grenzpatrouillen. Sie denken, mit Abkommen, welche die Einwanderung der unerwünschten Erdenbürger verbieten, können sie den grossen Ansturm verhindern. Anstatt sich solidarisch zusammen zu schliessen und die Grenzländer zu unterstützen fährt jedes Land seinen eigenen Zug. Die Grenzländer sind mit dem Ansturm total überfordert, andere Länder haben das Gefühl, dass sie es sich erlauben können, die Flüchtlinge abzuweisen. Dabei kann diese Krise nur gemeinsam gemeistert werden. Jetzt wäre Europa gefragt, zu zeigen, wofür es gegründet wurde, in einem hoffentlich menschlichen Sinne.

Eigentlich erstaunlich, dass die Regierungen in Europa dermassen  überrascht und überfordert sind! Ich behaupte, es war sichtbar, abzusehen, dass diese Flüchtlingswelle kommt. Zum Einen hat die Wirtschaft weiterhin hemmungslos die Entwicklungsländer ausgebeutet, hat dadurch vielen Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig die Leute im Norden wissen, woher ihr Mineralwasser aus der Flasche, ihr Gemüse und die Früchte im Winter, der Kaffee, der Tee, und vieles mehr kommen und unter welchen Bedingungen diese Konsumgüter produziert werden. (Tierschützer wissen um die skandalöse Behandlung und Tötung der industriellen Fleischwirtschaft!) Beim Wasser und anderen Nahrungsmitteln ist es nicht anders. Die Billigpreise, die der europäische Konsument verlangt sind nur möglich, wenn die Herkunftsländer ausgebeutet werden! Viele Informationen kommen gar nicht in die Medien, oder es wird ihnen keine Beachtung geschenkt. Das Leid, das verursacht wird, seit Jahrhunderten der Ausbeutung, ist nicht interessant. Die Rohstoff Knappheit führt dazu, dass nach Alternativen gesucht wird. Zum Beispiel Biokraftstoff! Ein absoluter Schwachsinn! Biokraftstoff muss ja erst mal angebaut werden! Tausende Hektaren, die dann in der Nahrungsmittel Produktion fehlen! Auch dies wird natürlich in der 3.Welt angebaut. Bauern werden einfach enteignet, so zum Beispiel in Norden von Senegal wo 6000 Familien ihr Land verloren haben. Solche Menschen nennt man dann Wirtschaftsflüchtlinge…..

Europa schiebt die Verantwortung oft mit dem lapidaren Argument zur Seite: die sind selber schuld, die afrikanischen Regierungen sind ja korrupt und nur auf ihren Profit aus, ohne die Interessen des Volkes zu berücksichtigen. Stimmt, die Politiker hier sind korrupt! Doch das sind die Politer auf der ganzen Welt! Viele sind nur diskreter oder schlauer, so merkt der Bürger es nicht so schnell. Ausserdem sind Regierungen in Entwicklungsländern vor allem abhängig. Abhängig von der Weltbank, wo sie Milliarden Schulden haben. Die Weltbank, von der wir wissen, dass sie vor allem die Interessen der Großfinanz vertritt! Wir müssten es eigentlich wissen: die Grossfinanz, die grossen Konzerne sind NICHT an Umweltschutz, an faires Handeln in den Entwicklungsländern interessiert. Dies würde die Produkte viel zu sehr verteuern und der europäische Konsument will ja möglichst billige Produkte.

Diese Polemik, überall in den Medien zugegen, wer hat angefangen, wer soll zuerst was tun, wo liegt der Fehler, bringt uns in einer solchen Krise bestimmt nicht weiter. Ich für meinen Teil denke, dass es, wenn es nicht bereits zu spät, dann höchste Zeit ist, wirkliche Entwicklungsprogramme zu starten, welche Arbeitsplätze schaffen, von denen die Anwohner auch profitieren können, und die auch umweltfreundlich sind. DIE AUSBEUTUNG WELTWEIT BEI DEN WIRTSCHAFTLICH SCHWÄCHEREN MUSS AUFHÖREN! Wir müssen umdenken. Vom Nationalist zum Weltbürger werden. Wenn wir klever sind, hat es für uns alle genug auf diesem Erdball! Wir müssen „nur“ umdenken! Denn wieder einmal zeigt sich, dass der Weltbürger viel, viel Macht hat. Die Politik will es zwar anders, sie wollen die Flüchtlinge nicht in ihrem Land, doch sie kommen. Sie werden nicht auf zu halten sein! Der kleine, arme, verzweifelte Flüchtling kommt und überrollt mit tausend anderen ein eingemauertes Europa, welches verpasst hat, sich der neuen Welt an zu passen…..

Aber in diesem Europa leben auch Menschen. Menschen mit Herz und Verstand. Auch sie haben Macht. Sie können sich auflehnen, dagegen sprechen, auf die Strasse gehen…. Den eines sollte nun langsam allen klar sein. Wenn die Weltbürger nicht aufstehen, sich wehren, wird unsere Welt bald dermassen zerstört sein, dass nichts mehr bleibt……

So, nun ist mir leichter ums Herz. Ich habe mir meine Wut, meinen Schmerz vom Herzen geschrieben. Ich weiss, dass viele von Euch mit vielem von mir nicht einverstanden sein werden. Die Diskussionen sind endlos und zeigen schlussendlich nur die grosse Hilflosigkeit und die Ratlosigkeit, in der wir alle mehr oder weniger verzweifelt herumschwimmen. Ich wünsche dieser Welt von Herzen, dass sie bald Land unter die Füsse bekommt!

20 Gedanken zu “Das Boot ist voll???????

  1. Liebe Ruth, vielen Dank das Du das so schön geschrieben hast. Aber was kann man tun? Heute morgen hat mir ein junger Gambier auf Facebook geschrieben er habe das schwierige Leben in Gambia satt und er werde es jetzt auf dem Backway nach Europa versuchen. Ich möchte weinen. Leider gibt es zu viele Vorbilder und „falsche“ Helden, die es in den letzten 20 Jahren geschafft haben, die Geld für das eigene Haus, ein Auto oder ein kleines Business und mehr aus Europa gebracht haben. Die Wahrheit sagt kaum einer und wenn, dann will es keiner wissen.

  2. Liebe Frau Ruth, Sie erfreuten mich mit Ihren Dankeslobworten für mein Minitextlein und da stolpere ich Ihrer Spur hinterdrein und lese hier einen trefflichen Eintrag, der alles das beinhaltet, wofür ich keine Worte mehr fand.
    Ich danke Ihnen angerührt und erlaube mir, Ihre Fährte aufzunehmen, um die Spur nicht verwischen zu lassen.
    Herzliche Grüße nach Dakar und alles Gute für Sie und Ihre Lieben, Ihre Frau Knobloch, hocherfreut.

    1. Liebe Frau Knobloch, nun ist es an mir, hocherfreut über Ihren Kommentar zu sein. Herzlichen Dank dafür. Immer mal wieder, wenn ich etwas Zeit vor habe, lese ich Ihre Texte, erfreue mich an Ihren Gedanken. will selber auch auf auf keinen Fall ihre Spur verlieren. Bei mir sind Sie jederzeit herzlich willkommen. Ich freue mich über Ihre Besuche auf meinem Blog, wo ich versuche, etwas über mein Leben in Afrika zu erzählen! Bleibt mir, Ihnen einen wundervollen Abend zu wünschen. Bis bald und sonnige Grüsse aus dem Süden. Ihre Ruth Isenschmid

      1. Ich liebe es, wenn so etwas passiert. Wenn man sich einfach über ein paar unerwartet famose Worte freut. Hach…

        Ihnen alles Gute und ich grüße windzersauselt frohgemuth zurück,
        Ihre Käthe Knobloch.

  3. Liebe Ruth,
    Danke für deine Worte, die mir aus dem Herzen sprechen. Ich war vor ca. 4 Wochen in Calais, wartete mit 44 anderen Feriengästen auf die Fähre nach England. In der Warteschlange da blieb genügen Zeit, zu sehen, was meine Seele tief traf, mein Herz schmerzen und meine Augen tränen liess. Die Flüchtlinge dort, die auf eine Gelegenheit warten um sich nach England abzusetzen. Sie hausen in kaputten Zelten, verstecken sich hinter jedem mickrigen Strauch und entgehen doch den Argus-Augen der ‚Aufpasser‘ nicht, die mit Waffen im Anschlag das Geländedurchstreifen und aufgescheuchte Flüchtlinge wie die Karnickel vor sich her treiben. Grauenvoll. Ein Bild, das nie mehr aus meinem Gedächtnis gelöscht werden kann. Und dann die Sprüche im Bus… da wird mir gleich wieder übel, wenn ich nur dran denke wie feiste, wohlgenährte Schweizer sich über diese Schreckensbilder äussern. Ich wünsche niemandem Schlechtes, aber solchen Maulhelden nur mal eine Woche ‚auf der Flucht‘ zu sein…
    Ich fühle mich sehr hilflos in der Flut der Nachrichten. Aber ich werde mir auch meiner absolut privilegierten Lage gewahr, in der ich mein doch recht sorgloses Leben geniessen kann. Und ich bin SEHR dankbar für all das, was mir im Leben begegnet.

    1. Liebe Barbara
      Erst mal freue ich mich, Dich hier zu treffen. Wunderbar!
      Ja, es ist wie du schreibst. Unfassbar, unbeschreiblich, beschämend und sehr, sehr traurig. Doch, ebenfalls wie Du schreibst, sind die Informationen in den Medien widersprüchlich, weiss man nicht so recht, was man nun glauben soll…
      Ich denke, es ist schön, wenn diejenigen, denen es gut geht, sich dessen bewusst werden. Ausserdem werden nun viele erfahren dürfen, dass teilen mit denen, die weniger haben, sehr bereichernd und schön sein kann. Sie werden reich beschenkt werden.
      Leider haben die Menschen in Europa dieses Miteinander, dieses Teilen verlernt. Hier gilt oft jeder für sich und gegen den Rest der Welt. Absolute Konsumgesellschaft eben. Um so schöner, wenn viele heute aus diesem Teufelskreis ausbrechen können und auf diese Notleidenden zugehen.
      Du siehst, in all dem Negativen hat es doch auch viel Positives! Daran dürfen wir uns erfreuen, dies dürfen wir nicht ignorieren. Gerade jetzt sind gute und liebe Gedanken wichtig!
      In diesem Sinne ein herzliches Willkommen auf meinem Blog! Einen wunderschönen, friedlichen Samstag Abend in die Schweiz und eine herzliche Umarmung an Dich.
      Deine Mme Ruth aus Dakar

      1. Ja, sehr oft gilt hier in Europa der Gedanke: wenn jeder für sich selber schaut, ist für alle geschaut. Aber das geht langfristig nicht auf. Um so mehr schätze ich das ‚Zusammen sind wir stark‘-Gefühl, das hier, an meinem wunderschönen Wohnort am Thürlenweg herrscht. Jede/r ist für Jede/n da. Man hilft sich wo man kann und findet immer einen Weg, Probleme zu lösen.
        Mein Wochenende wird ganz super werden. Morgen, 8.15 Uhr hole ich meine kleine Prinzessin Mila (Enkelin, halbjährig) und darf sie bis am Sonntag bei mir behalten. Eben habe ich noch Vorhänge montiert. Jetzt gehe ich noch Fiona ausführen und dann schlafen. Ich freue mich auf weitere Einträge hier. Pass gut auf dich auf. Schön dass es dich gibt!
        Liebste Grüsse aus dem herbstlichen Münsingen
        Babs, Fiona und Romeo

  4. Liebste Babs
    Jetzt bist Du sicher schon mit deiner kleinen Prinzessin zusammen. Ich wünsche Dir ein wundervolles Grossmuttergeniesswochenende! Ich denke an Dich!
    Auch für mich ist es schön, dass es Dich gibt! Auf eine weitere, wunderschöne Freundschaft mit Dir und einen lieben Drücker in die Schweiz
    Deine Mme Ruth

  5. Alle meine Lieben, bin traurig über all das, was hier und auf der Welt passiert. Ohnmächtig voller Wut gegen diese Politiker. Schlaflose Nächte. Am Bahnhof die ausgemergelten Gesichter, zerrissene Kleidung, kaputte Schuhe. Zusammengekauerte Menschen sitzen auf dem Steinfußboden. Müde, ausgelaugt, keine Kraft aufzustehen. Meine Tränen verselbständigen sich und lassen sich nicht stoppen. Was für ein Hohn: schwerbewaffnete Polizei, Grenzzäune, Tritte gegen Flüchtlinge. Hasserfüllte gegen sie. Geschlossene Grenzen. Was noch?
    Irgendwann werden die, die all das verursachten merken, daß man Geld nicht essen kann ! Die Reichen, die sich gläubig halten, egal welche Religion sie haben, sollten nicht weg sehen. Wir sind doch eine
    globale Gemeinschaft schon geworden. Würde gerne Grenzen, Nationalitäten und Konzerne, die arme Länder auslaugen abschaffen. Habe leider nur eine Single – Wohnung und bin auch nicht reich, aber ich hätte sehr gerne jemanden
    aufgenommen. Was kann man noch tun? Auf die Strasse , demonstrieren gegen den Hass und die Gleichgültigkeit der Welt.
    Häuser für Flüchtlinge werden in Brand gesteckt. O, mein Gott, wo bist du? Das Mittelmeer ist ein einziges Grab. Welcher Tourist traut sich da noch baden zu gehen ohne Gedanken daran. Ich bin ein Flüchtling. Meine Eltern waren 2 mal geflohen. Ich weiß was das heißt! In Gedanken an alle verbleibe ich mit ganz herzlichen Grüßen – Christel

    1. Liebe Christel
      Herzlichen Dank für Deine teilnehmenden Worte. Ja, jeder der das, was gerade bei Euch passiert, nicht richtig findet, soll das auch aussprechen. Schon das ist ein erster Schritt. Nicht mehr schweigend solches Unrecht hinnehmen. Vielleicht kannst Du nicht viel tun, um all diesem Unglück zu helfen, doch kannst Du bereits in Deinem unmittelbaren Umfeld wirken. Liebevolles Verhalten zu unseren Mitmenschen, sich öffnen, auf andere zugehen, Anteilnahme zeigen, das ist schon viel mehr, als heute normalerweise üblich ist. Wenn wir dieser allgegenwärtigen Gleichgültigkeit, diesem Überindividualismus entgegenwirken, ist das schon ganz viel.
      Danke für Dein Mitstreiten für eine bessere Welt!
      Mit einer liebevollen Umarmung in den Norden
      Deine Mme Ruth

  6. Liebe Ruth (meine Worte gehen auch an alle die diesen Blogg lesen und kommentieren)
    Ganz herzlichen Dank für Deinen Mut und Deinen Willen, Deine Trauer, Enttäuschung und Wut in die Welt hinauszuschreien. Ja, es schreit auch in mir und ich kann jede Zeile Deiner Aussagen unterstreichen.
    Ich denke auch, dass wir (die erste Welt) für die in der Vergangenheit und in der Gegenwart begangenen „Sünden“ (in der dritten Welt) bezahlen müssen. Wir müssen endlich umdenken und reinvestieren in das was wir weggenommen haben und immer noch wegnehmen. Anstatt diese Menschen abzuweisen, sollten wir ihnen das zurückgeben, was wir für uns als Selbstverständlichkeit beanspruchen. Schutz, Hoffnung und Perspektiven. Dort wo es notwendig ist, sollten wir ihnen, anstatt sie abzuweisen, den Zugang zu Bildung, Ausbildung, Arbeit, etc. ermöglichen. Mit diesem Potential könnten diese Menschen irgendwann zurückreisen in ihre Heimat und, mit unserer Unterstützung, ihre (und nicht die von uns erdachte) Welt neu aufbauen.
    Abgewiesene, alleingelassene Menschen ohne Ziel, Hoffnung und Zukunft sind dankbare Mitstreiter für die IS und andere kriminellen Organisationen. Das kennen wir aus unserer Arbeit mit Menschen ohne Perspektiven. Ausgeschlossene suchen sich ihr „Familie“. Das können sein Alkohol, Drogen, Rechtsextremismus, Kriminalität – oder eben die IS. Sind wir so naiv zu glauben, dass sich die aktuelle Flüchtlingssituation von selber lösen wird? Ich denke nein, sie wird zu einem noch viel schlimmeren Bumerang für uns. All diese traumatisierten Menschen, und ich denke da vor allem an die Kinder, werden uns über Jahrzehnte in Erinnerung rufen, was wir versäumt haben zu tun. Das kennen wir aus der nahen Weltgeschichte (Beispiel Balkan), lernen aber offensichtlich gar nichts.
    Ich bin aber auch überzeugt, dass jede/r von uns etwas tun kann. Wir dürfen nicht aufgeben über die aktuelle Situation zu reden. Mit vielen Menschen das Gespräch zu suchen und auch öffentlich Stellung zu beziehen, wenn wir angesprochen werden. Wir müssen den Mut haben uns zu exponieren. Ich meinerseits denke an meine drei Grosskinder, die in einer Welt leben müssen, die wir ihnen hinterlassen. Wir haben seit dem zweiten Weltkrieg schon zu viel versäumt zu tun.
    Ich bin u. A. Mitglied von FICE (einer Weltorganisation, die sich für Kinder in der ganzen Welt einsetzt, die nicht in ihren Familien leben können). Es gibt eine Schweizerische und eine Europäische Schwesterorganisation. Im nächsten Jahr ist der FICE – Kongress in Wien. Ich werde auch dort sein. Da wird uns die aktuelle Flüchtlingssituation sehr stark beschäftigen. Ich freue mich jetzt schon darauf wieder Menschen aus aller Welt zu treffen, die solche Themen ernst nehmen und den Willen haben sich einzusetzen. Dank Verbindungen (Netzwerk) in die ganze Welt denken wir derzeit darüber nach, wo Menschen unbeschadet leben können, bis sie wieder heimkehren können. So denken wir derzeit in einer noch kleinen Gruppe über die Gründung einer Stiftung nach, die in verschiedenen Ländern Europas sichere Lebensräume für Flüchtlinge schaffen soll. Die Tendenz geht in Richtung selbst verwaltete Gebiete – ist aber noch nicht zu Ende gedacht!
    Ich will gerne allen emotional und aktiv engagierten Menschen Mut machen nicht aufzugeben und zu nicht zu resignieren.
    So wir Du, liebe Ruth, gesagt hast, „wenn wir zusammenstehen, sind auch wir eine Macht“, aber eine die Gutes bewirken und nicht ausnützen will.
    Liebe Ruth ich könnte noch viel schreiben und hoffe, dass unser Kontakt und unsere Freundschaft nie abbricht.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Mut und Kraft für Deinen sehr lobenswerten Einsatz in einem Land, welches Menschen wie Dich braucht.
    in Freundschaft verbunden René H. Bartl

    1. Danke, René, für deine Ausführungen! Das, was du über FICE schreibst, interessiert mich sehr und ich hoffe, du berichtest weiterhin über diese Organisation. Und ich wünsche allen, die sich engagieren viel Kraft und Durchhaltevermögen. Was ich in meiner Umgebung dazu beitragen kann, das versuche ich zu tun. Es ist nicht viel im Vergleich zur Gesamtsituation. Aber oft mal wenig gibt am Schluss auch viel.
      In diesem Sinne sage ich einfach in Neudeutsch ‚together we are strong!‘
      Herzlichst Babs

    2. Lieber René
      Vielen, vielen Dank für Deine berührenden Worte! Auch ich kann jedes Wort von Dir unterstreichen. Ich kann auch nicht verstehen, warum wir nicht aus der Geschichte lernen können. Das habe ich nie verstanden. Auch schon in meinem Beruf damals in der Schweiz. Dabei wäre es doch so einfach, Zukunft ausgerichtete, wohlüberlegte Massnamen zu treffen. Ja, da wird noch einiges auf unsere Kinder, Enkel und Urenkel zukommen. Ach, es gäbe hier noch soviel zu sagen! Doch werde ich es für heute mit diesen Worten bewenden lassen.
      Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deinen Bemühungen in der FICE und danke auch Dir für Deine Freundschaft und auch für Deinen Willen, bis heute für das Gute und die Kinder dieser Welt ein zu stehen! Ein grosses Dankeschön Dir und umarmende, liebe Gedanken in die Schweiz!
      Mme Ruth

  7. Liebe Ruth,

    erst jetzt lese ich diesen Beitrag und nachdem ich heute in „Ein Oktoberabend“ wiederholt meine unendliche Trauer zum Ausdruck brachte, möchte ich mich nicht „ablenken“, um mich – wie viele andere Menschen – wieder der Freude und dem eigenen Leben zuzuwenden.

    Heute las ich in einem Artikel der Telepolis:
    „Bleibt angesichts der eiskalten Temperaturen, die noch kommen, die Frage, was dem Volk der Tüftler, Ingenieure, Maschinen-und Systementwickler, Problemlöser und Helfer mit vorhandenen Mitteln einfällt, um die voraussehbaren Winterhärten der hier bereits angekommenen Flüchtlinge zu lindern. Es kommt, wie von der sommermärchen-immunen, realitätsbezogenen Seite seit dem späten September hingewiesen, zu Problemen bei der Zeltunterbringung.

    Mehr als 42.000 Flüchtlinge sind bundesweit in Zelten untergebracht. Viele Unterkünfte sind nicht winterfest – und werden es nicht. Es gibt keine Alternativen, die Bewohner sind gefangen in der Kälte.

    Die Zahl könnte noch höher sein, wie die Zeitung ergänzt, die Länder, so hätten die Recherchen ergeben, wissen nicht, wie viele Flüchtlinge die Städte und Gemeinden in Zelten beherbergen. Aus den Hamburger Zelten gibt es Krankheitsmeldungen und erste Proteste „Uns ist kalt“.

    Wie soll man 400.000 oder 500.000 Asylbewerber, genaue Zahlen gibt es nicht, winterfest unterbringen? Das ist, jenseits aller politischen Kollateral-Ideen, die Frage, welche seit September auf der Agenda steht. Fest steht: Mit Kürzungen der Sozialleistungen wirds nicht wärmer. “

    Es macht mich so wütend, so traurig, so hilflos. Noch massiver wird dieser Zustand, wenn ich leider immer wieder erkennen muss, dass der Defätismus der Deutschen offenbar hohe Ausmaße annimmt. Man ist „überschwemmt“ von den Nachrichten. Sich zum Beispiel gegen die Errichtung eines weiteren Atomreaktors in der Slowakei mit nur wenigen Handgriffen einzusetzen (es dauert nur wenige Minuten!) oder Beiträge rebloggt, in denen ein sehr fähiger, sehr gut ausgebildeter Mann aus Kenia (er spricht perfekt deutsch – siehe mein gestriger Beitrag auf https://wiedaslebenklingt.wordpress.com) – alles erscheint zu viel!

    Warum ist es so – immer wieder versuche ich, mit Beobachtungen (man kann es beinahe Studien nennen) das Verhalten unserer Deutschen zu ERKUNDEN – von einem VERSTEHEN möchte ich nicht zwingend schreiben.

    Natürlich, wir können nichts gegen die fehlgeleitete Asylpolitik der Politiker tun, aber wir können den Mund aufmachen, schreiben, singen – die Menschen wachrütteln und GERADE wir KÜNSTLER haben die verdammte Pflicht dazu!
    Doch auch die „Nicht-Künstler“ – es sind MENSCHEN – haben, so sehe ich es, diese Pflicht des humanitären DENKENS und HANDELNS.

    Was führt die Menschen dazu, sich in eine Stagnation zu begeben? Eine sehr gute Freundin von mir (Berlin), die auch mit viel Herz ausgestattet ist, schrieb kürzlich zu meinem kurzen Artikel bezüglich des Attentates in Kunduz, dass auch sie an sich schon bemerkt, dass es sie nicht mehr so berührt. Wenige Tage danach: ANKARA – Morde über Morde. Sie führen beim Deutschen zu einer sukzessiven Gleichgültigkeit?
    Ist es der Wohlstand, der die Menschen in ihren warmen Wohnungen „abkühlen“ lässt – welch Ironie!

    Liebe Ruth, doch ich werde weiter schreiben und schreiben und selbst wenn ich wunde Finger davon bekomme – immer wieder werde ich versuchen, die Menschen aufzurütteln. Und doch: Ich glaube, es ist noch zu wenig.

    Wir brauchen Menschen mit Herz und Verstand. Klingt es kommunistisch, wenn ich sage: „Wenn wir verteilen und hätten alle den gleichen Stand – würden wir dann glücklicher sein?“ Oder: „Wenn wir alle weniger hätten, so wären wir gezwungen, zusammenzurücken.“ Wäre das eine Lösung? Würde das zur Liquidierung von Armut und Gleichgültigkeit führen?

    Ich grüße Dich sehr herzlich und drück Dich!

    Sylvia

  8. Liebe Sylvia
    Endlich habe ich Zeit, Ihnen zu antworten. Die letzten Tage waren recht stressig und durchzogen von Hochs und Tiefs. Abends war ich dann etwas ausgelaugt, fand keine Worte…
    Ich danke Ihnen für Ihren feinfühligen, mitfühlenden Kommentar. Beim Lesen fühlte auch ich deutlich die grosse Hilflosigkeit. Ja, was ist zu tun?
    Wissen Sie, für mich ist es eigentlich eine Schande (um es deutlich aus zu sprechen) dass Europa (welches Land auch immer) bedürftige Menschen in der Kälte stehen lässt. Wie wäre es denn, wenn zum Beispiel ein paar Turnhallen frei gemacht werden? Oder Gemeinderäume, Kirchgemeinderäume. Ich lebte lange genug in Europa, um alle die Säle, Hallen, usw. in Erinnerung zu haben. Dann müsste man sich als Einwohner etwas einschränken, die Kinder könnten in gewissen Turnstunden einen Waldspaziergang machen, oder ins Schwimmbad gehen. Es gäbe sicher viele Möglichkeiten, um die belegten Turnhallen aus zu gleichen. Auch hier fehlt es an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Ich stelle mir gerade die Gemeindeväter vor, wie sie den Kopf einziehen vor lauter Angst, hier etwas zu entscheiden.
    Aber lassen wir das, gerade lief ein sehr unschöner Film in meinem Kopf. Konzentrieren wir uns viel eher auf unsere guten Gedanken. Sprechen wir gute Worte aus. Das erzeugt gute Energie, ich bin sicher, das hilft. Ich will immer wieder Herzensgüte walten lassen. Auch hier, in meinem afrikanischen Umfeld. Es gibt hier sehr viel Armut, Elend. Ich kann nicht allen helfen. Aber ich kann da helfen wo es mir möglich ist. Afrika hat mich dafür reich beschenkt. Zum Beispiel mit dem Wissen, dass ich teilen kann, auf vieles verzichten kann, ohne dass es mir schlechter geht. Sicher, immer wieder muss ich selber um meine Existenz kämpfen, hier gibt es kein Sicherheitsnetz. Doch geht es immer irgendwie weiter. Irgend eine Tür, gross oder klein, öffnet sich just in dem Moment, wie ich nicht mehr weiter weiss. Und dies nun seit 14 Jahren in denen ich hier in Afrika lebe. Ich bin nicht frei von Existenzängsten. Aber vielleicht bin ich heute diesen gegenüber etwas gelassener geworden?
    Ich wünsche mir wirklich, dass die Menschen in Europa es schaffen zu begreifen, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind. Wir sind wirklich längst nicht mehr nur Deutsche, Schweizer, Franzosen, Amerikaner, usw. Wir sind nun vor allem Weltbürger und müssen anfangen global zu denken. Es wird nicht anders gehen auf Dauer…
    Uff, nun sind meine Gedanken wieder mit mir durchgebrannt. Aber sie schreiben es ja selbst, wir müssen schreiben, schreiben bis die Finger wund sind.
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen friedvollen Abend mit schönen Gedanken.
    Mit einer grossen Umarmung an Sie, Ihre Mme Ruth

  9. Ja.
    Leider.
    Stimmt alles was da steht.
    Und die Lage ist noch viel verkorkster.
    1991 machte der Film „Der Marsch“ leider kaum Furore.

    Man hätte es läääängst wissen MÜSSEN! Dass es so kommt, wie es nun gekommen ist.

    Hinzu kommen die historisch bedingten Verkorksungen: Willkürliche Grenzziehung durch Kolonialmächte, halbierte Völker, halbierte und verschüttete Traditionen…., keine Wiedervereinigungen oder neue Grenzfindung nach 1960 – also auch keine Stabilität.

    Der dauerhafte Trugschluss, dass afrikanische Studenten vom europäischen Auslandsstudium zurückkehren würden, um etwas aufzubauen, was sie in Europa letztlich (vielleicht nicht leichter) aber sicherer haben können. In deutschen Krankenhäusern spricht die Ärzteschaft inzwischen nur noch gebrochen deutsch und stammt aus aller Herren Länder – wo nun diese Kräfte weiterhin fehlen….

    Und die krux geht ja nun erst richtig los:
    Für die unteren Schulabschlüsse gab es bisher in Europa schon zu wenig Arbeit – und nun bekommt diese Schicht ungewollten Nachschub….
    Schwarzarbeit und Dumpinglohnschwemme sind vorprogrammiert und die daraus resultierenden Begleiterscheinungen auch. Das kann nicht gut gehen. Am Bahnhof applaudieren und Pegida verteufeln wird ganz sicher nicht reichen.

  10. Werter Bludgeon
    Ein herzliches Dankeschön an Sie!
    Zuerst müssen Sie wissen, dass ich in Jubel ausgebrochen bin, als ich den Film auf meinem Blog gesehen habe. Wie lange habe ich versucht, ihn zu finden. Aber ich wusste weder den Namen des Filmes, noch den Regisseur. Jetzt haben Sie ihn mir zum Geschenk gemacht! Vielen, vielen Dank!!!
    Weiter ebenfalls ein Dankeschön für Ihren Kommentar, den ich so wie er ist unterschreiben kann. Ihre Worte ergänzen die meinen wunderbar. Ach, es gibt oder gäbe noch so viel zu diesem Thema zu schreiben/sagen…..
    Ich lese gerade wieder einmal das Buch „Die Geschichte Schwarzafrikas“ von Joseph Ke-Zerbo. Leider ist das Buch aus dem Jahre 1991, also nicht mehr hochaktuell, trotzdem ist es hochspannend. All die grossen Kulturen, Königreiche, Staatsstrukturen, sogar grossartigen Demokratien, die Afrika bereits hatte, als Europa noch den Dornröschenschlaf schlummerte. Einfach wunderbar zu lesen. Um so lächerlicher wird der idiotische Dünkel der Industriewelt, welche glaubt, sie wären die Grössten, die Besten und vor allem sie hätten die Kultur in die Welt gebracht. (Am schlimmsten finde ich hier die Amis!) 😉
    Die Mittel. die den Europäern ermöglichten die Welt zu unterdrücken und auszubeuten sind die Gewalt, das Schiesspulver, die Brutalität und vor allem die Ignoranz. Denn hätten die barbarischen, europäischen Eroberer damals diese Völker mit ihren Kulturen anerkannt, hätten sie wohl nicht tun können, was sie taten. Ich denke, dass nun die Rechnung beglichen werden muss. Der Tribut wird eingefordert. Dies wird nicht aufzuhalten sein.
    Das dies Angst erzeugt ist absolut klar. Angst, die zu irrationaler Gewalt ausarten kann/wird. Das wiederum macht mir Angst.
    In der Hoffnung, dass starke, intelligente, ausgleichende Kräfte dem Zerstörerischen entgegenwirken, Danke ich Ihnen noch einmal.
    Hochschätzend, Ihre Mme Ruth

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