In den Strassen von Dakar


In Afrika und natürlich auch in Dakar hat man das Gefühl, als würden  ein paar Jahrhunderte zugleich nebeneinander existieren. Auf der zweispurigen Schnellstrasse, welche von ihrem Zustand her gut 120/130 km/Std. erlauben würde, tummeln sich Pferdekarren, von Hand geschobene Karren, viele Skooter, Tucktuck, Fußgänger, Autos in allen denkbaren Zuständen und Jahrgängen. Man schlängelt sich durch alle diese „Verkehrsmittel“ durch. Die Überholspur wird keineswegs zum Überholen benutzt. Die Autos fahren, wo es ihnen gerade gefällt. So überholt man halt da, wo es gerade frei ist: mal rechts, mal links. Ach ja, ohne Hupe wäre man hier verloren. Die wenigsten Fahrer benutzen den Rückspiegel. Beim Überholen ist es daher empfehlenswert zu hupen. Wenn ich auf der Schnellstrasse ins Stadtzentrum fahre, denke ich oft bei meinen anarchistischen Überholmanövern an die Verkehrsregeln in der Schweiz. Wenn mich die Schweizer Polizei jetzt sehen könnte……

Dann das Stadtzentrum. In den kleinen Gassen der City gibt es sogar Trottoirs, diese werden jedoch als Parkplätze benutzt. Als Fußgänger schlängelt man sich dann halt neben den parkierten Autos und dem langsam fließenden Verkehr durch die Menschen, welche kreuz und quer durch die Strassen gehen. Auch viele Verkaufsbuden aller Art stehen am Straßenrand, eingequetscht zwischen parkierten Autos, Lastwagen, Motorrädern, Skootern. Vom winzigen Tisch auf dem ein paar lokale Früchte und geröstete Erdnüsse feilgehalten werden, bis zum blechernen kleinen Kiosk mit Zigaretten, Keksen, Kaugummis, Milchpulver, Nestkaffee in winzigen Plastikbeuteln und Zeitungen wird alles angeboten. Die Verkäufer sitzen daneben. Die Beine ausgestreckt und lassen sich von dem Gewimmel in keiner Wiese stören. An den Häuserfronten über den Köpfen oft summende Klimaanlagen, die ihr Kondenswasser auf die Strasse tropfen lassen. Zwischen all den Autos und Ständen Menschen, welche lang ausgestreckt mitten in dem Gewühl schlafen. Eine Bettlerin mit ihren Kindern, ein alter Mann, ein jüngerer Mann mit nur einem Bein. Überall spielende Kinder. Durch die Strassen schlendern europäisch gekleidete Senegalesinnen in Minijupes, Jeans oder in eleganten, teuren Kleidern. Männer in Kostüm, Krawatte. Jeans und T-Shirts sind auch im Senegal sehr beliebt und daher häufig anzutreffen. Aber es gibt auch die wunderschönen Boubous in kräftigen Farben, Frauen von Kopf bis Fuß eingehüllt in farbige Tücher, welche biblischen Gestalten ähneln, Juden mit ihren schwarzen Kleidern, den typischen Locken und Bärten, Marokkaner in schönen Kaftans, hin und wieder ein ganz in Indigo gekleideter, imposanter Tuareg mit Turban. Auch die typische Afrikanerin mit ihrem kunstvoll gewundenen Kopftuch, ihrem farbigen Boubou, auf dem Rücken ihr Baby, fehlt nicht in dem Gewimmel. Dann die zerlumpten Talibés mit ihren Blechbüchsen, welche durch die Strassen streunen und betteln. Leute, die sich lauthals begrüßen, zuwinken und plaudernd stehen bleiben, ohne sich um den Verkehr zu kümmern. Die Folge ist ein gewaltiges Hupkonzert, Geschrei. Der Verkehr bleibt stehen. Die zwei gehen nach einer Ewigkeit zur Seite. Langsam beginnen die Autos wieder durch die Strassen zu kriechen. Dicke Auspuffwolken nebeln schwarz ein.

Der Transport von Waren wird meist auf dem Kopf bewerkstelligt. Ich begegne Menschen mit allen möglichen Lasten auf dem Kopf. Grosse Ballen zusammen gebundener Stoffe, Plastikkübel in allen Größen, in denen Fisch, Gemüse oder auch Wasser transportiert wird. Oder einen meterhohen Stapel von Eierkartons, gefüllt mit Eiern. Mädchen, die das Mittagessen für einen Verwandten in einer großen Schüssel auf dem Kopf tragen. Ein junger Mann, der einige Holzbretter auf seinem Kopf gestapelt hat. Andere tragen auf diese Weise Kisten in allen Größen. Unwahrscheinlich, was alles auf den Köpfen Platz hat. Dann die Schubkarren, welche oft schwer beladen durch das Gewimmel geschoben werden. Ganze Wohnungseinrichtungen werden auf diese Weise transportiert. Oft denke ich, dass das doch gar nicht alles Platz haben kann in diesen verstopften Strassen der Innenstadt. Doch unbeirrbar wird weiter geschoben, gezogen und getragen.

Mit den Autos ist es dasselbe: in den Kofferräumen werden unwahrscheinliche Dinge transportiert. Oft sieht es dermaßen gefährlich aus, dass ich mich wundere, dass nicht mehr Unfälle passieren. Kann sich jemand vorstellen, dass ein ganzer Schrank in einem normalen Kofferraum transportiert werden kann? Auf den Gepäckträgern werden Ziege und Schafe, manchmal auch Menschen befördert. Die Ladefläche leerer Lastwagen ist meist mit Menschen vollgestopft, die sich mehr oder weniger gut festhalten können. Hier scheint sich niemand große Sorgen bezüglich der Sicherheit im Verkehr zu machen. Wenn dann wirklich etwas passiert, ist es von Gott gewollt. 

Mit dem Auto in Dakars Strassen zu fahren, heißt vor allem, sehr viel Intuition zu haben. Man muss fühlen, was der Fahrer im Auto vor sich, neben sich und hinter sich als nächstes tun wird. Wenn ein Auto am Straßenrand steht, muss damit gerechnet werden, dass es einfach losfährt, ohne zu blinken oder auch nur auf den fließenden Verkehr zu achten. Hierbei sind vor allem die Car Rapid und die Taxis Meister. Sie halten ohne Vorwarnung mitten auf der Strasse an, wenn sie einen Fahrgast am Straßenrand ausmachen. Kaum ist der Mensch eingestiegen, fahren sie weiter. Es ist am fließenden Verkehr gelegen, nicht in sie hinein zu fahren. Auf Kreuzungen kennt hier niemand ein Einspuren oder gar Blinken, um die Richtung anzuzeigen. Der Blinker ist vor allem dafür gemacht, in einer Kurve die Richtung anzuzeigen. Auf Kreuzungen ist es üblich die Hand aus dem Fenster zu strecken, vor allem, wenn man links abbiegen will. Nach dem Motto vorwärts, vorwärts, immer nur vorwärts, stoßen die Autos oft zu dritt oder zu viert nebeneinander auf eine Kreuzung zu, wobei  dann derjenige, welcher ganz rechts fährt, meist nach links abbiegen will und dies auch unbeirrt macht. Wenn der Verkehr stockt, kommt es niemandem in den Sinn, eine Passage freizulassen, damit der Gegenverkehr passieren oder nach links abbiegen kann. Jeder Zentimeter wird ausgenutzt um vorwärts zu drängen. Keiner macht sich die Mühe, weiter als bis zum Hinterteil seines Vordermannes zu sehen. Das ergibt dann oft auf Kreuzungen eine totale Pattsituation, bei der alle ineinander gekeilt, nicht mehr vor und zurück können. In solchen Fällen wird kräftig gehupt, geschimpft und sogar ausgestiegen, um seinem Ärger Luft zu machen. Oft dauert es eine kleine Ewigkeit, bis sich ein solcher Klüngel wieder aufgelöst hat. Wehe dem, der dabei mitten drin stecken bleibt.

Trotz allem muss gesagt sein, dass selten auch nur ein Kratzer gemacht wird. Millimeter genau zirkeln die Autos aneinander vorbei. Oft denke ich, dass das doch gar nicht geht, dass nicht genug Platz vorhanden ist, doch dann geht es immer wieder, irgendwie. Wenn nach normalen Maßstäben (was ist eigentlich normal?) nur zwei Autos nebeneinander Platz haben, ist es hier möglich, dass drei oder vier durchkommen.

Ein spezielles Thema sind die Fußgänger…. Es gilt das Motto, dass die Autos um die Fußgänger herumlenken müssen und nicht etwa umgekehrt. Die Menschen laufen einfach über oder auf der Strasse, wie es ihnen gefällt. Kurz, Autofahren in Dakar heißt, viel Geduld und Umsicht zu haben. In der Fahrschule habe ich gelernt, dass man die Geschwindigkeit den Bedingungen und der Situation anpassen muss. Hier gilt dies wie nirgends sonst. Alles in allem würde ich sagen, dass in diesem anarchistischen Straßenchaos nur Kreativität und schnelles Reagieren ein Vorwärtskommen möglich machen. Verkehrsregeln hin oder her. Außerdem hupen, hupen, hupen. Ob ich wohl in der Lage sein werde, mich in der total geregelten Verkehrsordnung der Schweiz wieder zurecht zu finden????

Soviel zu meinem täglichen „Kampf“ in Dakars Strassen. Fand ich das alles zu Beginn unübersichtlich, verwirrend und exotisch, so habe ich mich heute daran gewähnt. In all dem Chaos gibt es auch immer wieder charmante und lustige Situationen. Handzeichen funktionieren total gut. Wenn ich mit der Hand aus dem Fenster zeige, dass ich abbiegen möchte, wird mir sofort Platz gemacht. Wenn ich nur blinke, muss ich minutenlang warten. Wenn ich die Fußgänger durchlasse, winken sie mir zu und bedanken sich. Jeder kommuniziert mit jedem, per Handzeichen. Natürlich muss ich auch die Polizisten grüßen, an denen ich vorbeifahre, denn sie kennen mich mittlerweile. Dafür bin ich auch nicht mehr von ihnen belästigt. Längst habe ich meine Stammparkplätze, wo ich immer einen Platz erwische. Dank der dort wartenden inoffiziellen Parkwächter, die mir dann auch noch für ein kleines Trinkgeld mein Auto waschen. Schon von weitem winken sie mir, dass sie einen Platz für mich haben. Wenn alles voll ist, wird einer gesucht. Service total! Früher habe ich stundenlang in den Strassen der City einen Platz gesucht. Ich ertrage das Chaos mit Fassung und Geduld. Bis jetzt bin ich immer an mein Ziel gekommen. Manchmal mit Verspätung, weil alles verstopft, oder die Strassen gesperrt waren, da der Präsident seinen Ausgang hat und mit dem Auto unterwegs ist. Niemand regt sich darüber auf, allen geht es gleich.

Bonne route!!!!

Dakar, 01.03.2025, Mme. Ruth

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